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Die Station Mahenge im Maji-Maji-Krieg: Die Rolle von Theodor von Hassel

Im Juli 1905 erhoben sich insgesamt rund eine Million Menschen gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika. Die Station Mahenge, die von Theodor von Hassel geleitet wurde, war ein wichtiges strategisches Ziel des afrikanischen Widerstands. Zur Abwehr setzte der in Trier geborene Offizier alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein. Sein Erfolg trug zum Machterhalt der Deutschen in Deutsch-Ostafrika bei und bedeutete gleichzeitig für viele hundert Afrikaner:innen den Tod.

Die bereits äußerst angespannte Situation in der Kolonie Deutsch-Ostafrika spitzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiter zu. Zusätzlich zu den bereits verbreiteten Schikanen, wie beispielsweise dem Betrug bei Lohnzahlungen durch deutsche Firmen, und der allgegenwärtigen Gewalt und Misshandlung durch Schutztruppenoffiziere und Askaris, erfuhr die afrikanische Bevölkerung immer intensivere wirtschaftliche Ausbeutung: Afrikaner:innen wurden zu unentgeltlichen Fronarbeiten zu Aufbau und Erhalt der Infrastruktur (insbesondere Straßen) oder Tragediensten herangezogen. Die 1897 eingeführte Hüttensteuer konnte ab 1905 nicht länger in Naturalien bezahlt werden, sondern nur noch in bar so dass vermehrt Lohnarbeit geleistet werden musste. Teile der Bevölkerung wurde zwangsweise in die Nähe von Plantagen umgesiedelt. In Gebieten, die klimatisch geeignet schienen, wurden ganze Dörfer zum Anbau von Baumwolle gezwungen („Dorfschamba“), deren Erlös nur schleppend ausgezahlt wurde. Die traditionelle Jagd wurde eingeschränkt. All diese Maßnahmen gefährdeten die Ernährungsgrundlage der ländlichen Bevölkerung, da Flächen umgewidmet werden mussten, Arbeitskräfte fehlten. Hinzu kam, dass seit Erlass der Jagdverordnung 1903 die Bevölkerung gegen zerstörerische Wildtiere wie Elefanten nicht mehr vorgehen konnte.

Die Verordnung verbot traditionelle Jagdmethoden (Treibjagd, Netze, Fallgruben, Giftpfeile) und erhob eine einheitliche Jagdlizenz von 10 Rupien plus ein Kopfgeld pro erlegtem Tier. Während Europäer:innen diese Kosten leicht verschmerzen konnten, ja sogar staatliche Einnahmen generierten, drängte die Verordnung die afrikanischen Jäger sozusagen vom Markt. Außerdem wurde ihr Aktionsradius auf den Distrikt begrenzt, in dem sie gemeldet waren – angesichts der langen Migrationen der Elefantenherden geradezu ein Ausschluss von der Jagd. Zusätzlich wurde der Verkauf von Feuerwaffen und Munition an Afrikaner:innen verboten. Afrikanische Jäger mussten eine gesonderte Erlaubnis einholen, um ein jagdtaugliches Gewehr führen zu dürfen. Darüber hinaus beendete die Verordnung die bis dahin lange und weit verbreitete Tradition: Die Abgabe des „ground tusk” (des ersten Stoßzahnes eines sterbenden Elefanten, der als erstes die Erde berührte) an den lokalen Chief. Von diesen Regelungen war insbesondere der Süden der Kolonie betroffen, da hier bereits seit 1901 Jagdlizenzen eingeschränkt und Reservate eingerichtet worden waren. Kolonialadministration schnitt damit den afrikanischen Eliten jedoch den Zugang zu Elfenbein ab. Umwelthistoriker wie Thaddeus Sunseri und Bernhard Gissibl argumentieren daher, dass die Jagdverordnung und die Einrichtung der Wildtierreservate zum Konflikt beigetragen haben.

Insbesondere die im Süden Kolonie lebenden Matumbi und Ngoni litten unter diesen Repressalien. In Nandete, einem Ort im Gebiet der Matumbi gelegen, begann im Juli 1905 der Aufstand mit einer symbolischen Provokation: dem Ausreißen der verhassten Baumwollpflanzen. Inspiriert von der Vision des Heilers Kinjikitile Ngwale (?-1905), der Unverwundbarkeit durch das Trinken des heiligen maji (Swahili für Wasser) versprach, schlossen sich über zwanzig ethnische Gruppen im Süden Deutsch-Ostafrikas in der Maji-Maji-Bewegung zusammen. Im Gegensatz zu den Aufständen in den Jahren zuvor, handelte es sich nun, in den Worten des tansanischen Historikers Gilbert C. K. Gwassa, um eine übergreifende, antikoloniale Widerstandsbewegung „a war of liberation from colonialism, exploitation and suffering“ (Gwassa 2005: 19).

Abb. 1: Übersicht über das Gebiet des Maji-Maji-Krieges

Insgesamt erfasste die Maji-Maji-Bewegung schrittweise rund eine Million Menschen. Sie erreichte die Gegend um die Station Mahenge Mitte August 1905: Der Jumbe von Ifakara namens Kindunda hatte verwandtschaftliche Beziehungen zu den Ngindo und schloss sich den Rebellen an, sobald deren Botschafter aus Ungindo eintraf. Er führte die Krieger der Mbunga erfolgreich gegen die Boma in Ifakara und nahm am 16. August 1905 die Station ein. Sein nächstes Ziel war von Hassels Station, Mahenge. Doch nicht alle politischen Führer der Region tranken maji: So schlossen sich beispielsweise die Ubena unter ihrem Jumben Kiwanga den Deutschen an und ein untergeordneter Führer der Mbunga, namens Kalimoto, warnte die Station vor dem Angriff. Theodor von Hassel reagierte mit einem klassischen Instrument der Widerstandbekämpfung der deutschen Kolonialherrschaft, mit einer Strafexpedition.

In seinen Memoiren aus dem Jahr 1929 schreibt von Hassel jedoch, dass er am 15. August von einem „Weib aus der Lukembero-Ebene“ gewarnt worden sei und wenige Stunden darauf die Nachricht erhalten habe, dass 16 Askari, die zur Sicherung von Straßenarbeiten eingesetzt worden waren, von Aufständischen eingeschlossen sein könnten (Hassel 1929: 10-11). Daraufhin brach er am nächsten Morgen mit weiteren 16 Askari, zwei Schutztruppenoffizieren und einem Maschinengewehr auf, um „die Kameraden zu retten“ (Hassel 1929: 14). Nach tagelangen Gefechten in deren Zuge mehrere Dörfer gestürmt, eines davon niedergebrannt, und sieben Jumben gefangen genommen [und exekutiert] wurden, erreichte von Hassel die ursprünglich ausgesandten 16 Askari. Damit hatte er die Unantastbarkeit der deutschen Prätorianergarde eindrücklich gegenüber der Bevölkerung demonstriert und zog sich auf seine Station zurück.

Bereits im Kontext dieser ersten Strafexpedition (die von Hassel in seinen Erinnerungen als Rettungsaktion verbrämt) zeigt sich die zentrale militärische Bedeutung des Maschinengewehrs (MG) für die Sicherung der Machtposition der Schutztruppe. Es war die „kolonialen Waffe per se […] sie gab den Kolonialtruppe eine Feuerkraft, die ihre zahlenmäßige Unterlegenheit wettmachte“ (Pesek 2005: 191, Hervorhebung im Original). So gelang es von Hassel, als auf dem Weg kurzfristig von den eigenen übereifrigen Truppen abgehängt wurde, sich mit Hilfe des MG allein gegen einen feindlichen Trupp zu verteidigen.

Wenige Tage nach seiner Rückkehr zur Station rückte von Hassel erneut aus. Diesmal mit zog er mit einem Maschinengewehr, zwei Offizieren und insgesamt 60 Askaris plus 30 sogenannten „Rekruten“ (afrikanische Söldner, häufig auch Rugaruga genannt, die eigentlich eine Karawane begleiten sollten aber ausgeraubt worden waren und sich den Deutschen angeschlossen hatten) gegen die herannahenden Mbunga Richtung Ifakara. Dem Trupp schlossen sich außerdem noch der Maler Wilhelm Kuhnert und drei sogenannten „Elefantenjäger“ (afrikanische Jagdspezialisten) an. Doch die Aktion scheiterte. Die Expedition geriet kurz vor dem Dorf Kwa Muhindi in einen Hinterhalt und konnte sich nur mit Hilfe des MG durchsetzen und das Dorf einnehmen. Von Hassel beschreibt die Szene mit einer für viele Kolonialoffiziere typischen Mischung aus rassistischer Abwertung und ungläubiger Bewunderung:

„Eine wilde Hölle speit seine schwarzen Gestalten auf allen Seiten auf uns aus. Sind das überhaupt noch Menschen? Nein, Teufel sind es! Mit unerhörter Tapferkeit stürzen sich immer wieder neue Kolonnen auf uns.“ (Hassel 1929: 19)

Der Afrikanist Jigal Beez geht davon aus, dass von Hassel sich nach diesem Hinterhalt unter hohen Verlusten des Gegners (150 Tote) zurückzog. Der Offizier selbst berichtet in seinen Aufzeichnungen von 300 Toten unter den Mbunga, zwei toten und zehn verwundeten Askaris sowie zehn toten Karawanensöldnern. Da er um die Sicherheit Mahenges fürchtete, zog sich von Hassel wieder auf die Boma zurück.

Nun veränderte er seine Taktik grundlegend. Statt mittels einer (oder mehrerer) Strafexpeditionen die afrikanische Bevölkerung zu unterwerfen, richtete er sich auf eine Belagerung ein. Am 25. August war der Jumbe Kiwanga mit 800 Mann Verstärkung eingetroffen. Das benachbarte Dorf wurde geräumt, die Bewohner:innen zogen sich auf die Boma zurück. Außerdem befanden sich hier noch Kuhnert, die Elefantenjäger, die Karawanensöldner, sowie die Missionare der benachbarten Niederlassung der Berliner Missionsgesellschaft. Insgesamt fanden damit laut von Hassel zehn Europäer, 150 Askaris (mit Frauen und Kindern), 1.000 Krieger Kiwangas und 1.000 Dorfbewohner:innen auf der Station Schutz (Hassel 1929: 20, 24).

Abb. Station Mahenge mit Hang vor Befestigungsanlage (1907?)

Der Kommandeur Mahenges ließ außerdem das Umfeld der am Berg gelegenen Station so umgestalten, dass die Maschinengewehre maximale Wirkung entfalten konnten. Vor der Mauer wurden 10 ha Fläche gerodet und mit „Fähnchen“ Entfernungen abgesteckt. Die Maschinengewehre wurden auf Hochständen installiert (Hassel 1929: 22). Die angreifenden Mbunga liefen am ersten Tag des Angriffs auf die Boma, am 30. August 1905, direkt und ohne Deckung in das Maschinengewehrfeuer, das im Nahbereich zur Station durch Gewehrsalven unterstützt wurde.

„Ahnungslos waren diese Leute in die Falle gegangen, mit der Wirkung der Maschinengewehre absolut nicht vertraut, hatten sich diese Tausende auf dieser für sie vorbereiteten deckungslosen Fläche wie eine Riesenscheibe aufgebaut. Mit entsetzlicher Wirkung fegten meine beiden Maschinengewehre wohl 30 Minuten lang in diese Menschenmauer erbarmungslos hinein. Reihenweise, wie gemäht, sanken die Glieder zusammen. Angriffs- und Todesgeschrei ertönte.“ (Hassel 1929: 26)

Im festen Glaube an die Unverwundbarkeit durch maji fielen an diesem Tag mindestens 600 Mbunga. Auch der Angriff am nächsten Tag, dem 31. August 1905, der im Schutz der Dorfbebauung näher an die Boma herankam, konnte erfolgreich zurückgeschlagen werden, ebenso wie die kleineren Attacken der folgenden Tage. In jedem Fall war das Maschinengewehrfeuer ein ausschlaggebender Faktor.

Die Niederlage der Maji-Maji-Bewegung bei Mahenge war ein wichtiger Wendepunkt im Krieg. Die Zeit der Siege war vorbei, maji fand zunehmend weniger Anhänger:innen. Die Widerstandsbewegung verlegte sich auf Guerillataktiken, mit dem Ziel „Nahrung, Besitz und Menschen gegenüber der plündernden ‘Kolonialsoldateska‘“ zu sichern(Beez 2003: 81).

Die zahlenmäßig dramatisch unterlegene Schutztruppe, 1905 standen nur 2.360 Askari unter Waffen, erhielt ab Mitte September Verstärkung durch Soldaten der Marineinfanterie (entsandt durch die Bussard, später zusätzlich durch die Thetis und die Seeadler) sowie durch hastig angeworbene zusätzliche Askari und weitere afrikanische Söldner, die Rugaruga. Die letzteren betrachteten den Krieg vor allem als Gelegenheit, sich persönlich durch Plünderungen zu bereichern. Ähnlich wie bei den Straftaten der Askari gingen die deutschen Offiziere nicht gegen die Täter vor. Es begann die Zeit der „Terrorfeldzüge“ (Beez 2003: 95) in der die Deutschen und ihre Hilfstruppen der Guerillataktik ihrer Gegner:innen mit der rücksichtslosen Zerstörung der Lebensgrundlagen der afrikanischen Bevölkerung (‘verbrannte Erde‘) reagierte. In der Folge kam es zu einer allgemeinen Hungersnot. Das Leid war so groß, dass ca. 25% der Afrikanerinnen in der betroffenen Region dauerhaft unfruchtbar wurden. Die Zahl der Toten auf Seiten der Maji-Maji-Bewegung ist schwer zu schätzen. Der Historiker Winfried Speitkamp geht davon aus, dass bis zu 300.000 Menschen im Maji-Maji-Krieg starben. Davon waren 15 Europäer, 73 Askaris und 316 afrikanische Söldner.

Ganz ähnlich wie die ostafrikanische Schutztruppe insgesamt erhielt auch Mahenge ab Ende September Unterstützung: Am 20. September 1905 erreichte Hauptmann Ernst Nigmann (1867-1923) von der nächstgelegenen Station Iringa kommend mit drei weiteren deutschen Offizieren und 75 Askaris. Nigmann brachte nicht nur zusätzliche Truppen, sondern auch dringend benötigte Munition. Am 24. September rückten Hassel und Nigmann in vereinter Stärke (acht Offiziere und 150 Askari) gegen das Lager der Rebellen am Kikapulla aus. Sie spähten das Lager aus, brachten die MGs in Stellung und griffen am nächsten Morgen das Lager an. Neben einer nicht genannten Zahl Mbunga Krieger befanden sich auch 500-600 Träger im Lager, die Reis zur Versorgung der Rebellen herangebracht hatten. Die Deutschen eröffneten am Morgen des 25. September 1905 um 6.30 Uhr morgens das Feuer. Wer nicht im Kugelhagel fiel, rettete sich in den Busch. Der „Belagerungsring“ um die Station Mahenge war damit „gesprengt“ wie von Hassel in seinen Memoiren festhält (Hassel 1929: 40). Nigmann zog sich mit seiner Truppe Richtung Iringa zurück. Von Hassel jedoch rückte zu einer weiteren Strafexpedition aus, die am 18. November 1905 am Fluß Ruipa in der „größten Feldschlacht des Maji-Maji Krieges“ endete. Auch hier baute der deutsche Offizier das mitgebrachte MG so auf, dass wiederum eine Todeszone entstand. Der Afrikanist Jigal Beez geht davon aus, dass an diesem Tag von den 2.000 angreifenden Mbunga Kriegern 300 auf dem Schlachtfeld fielen und viele weitere auf der Flucht im Fluß ertranken (Beez 2003: 101).

Der Maji-Maji-Krieg steht in der heutigen Wahrnehmung der deutschen Kolonialgeschichte stets im Schatten des Krieges gegen die Herero und Nama, der nahezu zeitgleich in Deutsch Südwestafrika (dem heutigen Namibia) zwischen 1904 und 1908 stattfand. Dabei zeigen sich hier am Beispiel der Familie von Hassel deutliche Verbindungen zwischen der deutschen Kolonialzeit und der Nachkriegszeit der BRD. Kai-Uwe von Hassel, nach Theodor Blank (CDU) und Franz-Josef Strauß (CSU), war von 1963 bis 1966 der dritte Verteidigungsminister Westdeutschlands. Seine koloniale Vergangenheit und die seiner Familie schützte und qualifizierte ihn gleichzeitig: Er kam 1935 nach Tanganjika, um seinem kranken Vater beim Aufbau der Kaffeeplantage zu helfen und war dort bis 1940 in Haft. Er trat nie der NSDAP bei. Gleichzeitig stammte er aus einer als vorbildlich geltenden preußischen Offiziersfamilie. Für eine Bundeswehr, die auf der Suche nach neuen Führungspersönlichkeiten war, musste er wie ein politischer Glücksfall erscheinen.

Eva Bischoff

Mediathek

Beez, Jigal (2003): Geschosse zu Wassertropfen: Sozio-religiöse Aspekte des Maji-Maji-Krieges in Deutsch-Ostafrika (1905-1907). Köln: Rüdiger Köppe.

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Iliffe, John (1969): Tanganyika under German Rule, 1905-1912. Cambridge: Cambridge University Press.

Kilian, Dieter E. (2013): Kai-Uwe von Hassel und seine Familie. Zwischen Ostsee und Ostafrika. Militär-biographisches Mosaik. Berlin: Hartmann Miles.

Pesek, Michael (2005): Koloniale Herrschaft in Deutsch-Ostafrika: Expeditionen, Militär und Verwaltung seit 1880. Frankfurt a.M.: Campus.

Seeberg, Karl-Martin (1989): Der Maji-Maji-Krieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft: Historische Ursprünge nationaler Identität in Tansania. Geschichte. Berlin: Reimer.

Speitkamp, Winfried (2005): Deutsche Kolonialgeschichte. Stuttgart: Reclam.

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Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Dörrbecker, Maximilian: Gebiet des Maji-Maji-Aufstands, Wikimedia.

Abb. 2: Schleinitz, Kurt von (1907?): Blick auf Mahenge, SW Foto, Format 9×12, Glasplatte-Negativ, Koloniales Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft, Bildnummer 003-1032-00 (ist 01), Digitalisat online verfügbar über die Universitätsbibliothek Frankfurt, urn:nbn:de:hebis:30:2-617989.

Herrschaftsinseln und Elfenbein: Deutsch-Ostafrika bei Ankunft Theodor von Hassels

Theodor von Hassel wurde in der (flächenmäßig) größten Kolonien des deutschen Kaiserreiches eingesetzt: Deutsch-Ostafrika. Die Kolonie war wirtschaftlich lange von der Elefantenjagd und dem Elfenbeinhandel abhängig. Die Vorherrschaft der Deutschen war stets prekär und musste immer wieder durch sogenannte „Strafexpeditionen“ gesichert werden – eine explosive Mischung.

Deutsch-Ostafrika war in der Fläche die größte deutsche Kolonie und war mit rund 995.000 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie das Kaiserreich. Allerdings lebte dort nur eine kleine Zahl von Kolonist:innen. Das statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich verzeichnet für das Jahr 1910 nur 2.394 deutscher Staatsbürger:innen. Demgegenüber lebten auf dem Gebiet, das die heutigen Staaten Tansania, Burundi, Ruanda und ein Teil von Mosambik umfasst, schätzungsweise 7,6 Millionen Afrikaner:innen. Ähnlich wie andere Kolonien des deutschen Kaiserreiches entstand auch DOA aus einer privaten Initiative. Im Auftrag von ihm selbst mit gegründeten Gesellschaft für deutsche Kolonisation (GfdK) reiste der Kolonialpropagandist Carl Peters (1856-1918) im Herbst 1884 nach Sansibar und schloss mit Vertretern der lokalen Eliten eine Serie von (deutschsprachigen) Verträgen ab, deren Bedeutung den Unterzeichnern sicherlich nicht bekannt war. Auf Grundlage dieser Dokumente beanspruchte er rund 140.000 Quadratkilometer im Hinterland der Küste gegenüber von Sansibar.

Abb. 1: Ehemalige deutsche Kolonien in Afrika Stand 1914. Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Welle.

Carl Peters handelte nicht im Auftrag der deutschen Regierung, ganz im Gegenteil. Reichskanzler Otto Bismarck (1815-1898) wollte zwar deutsche Handelsinteressen schützen, jedoch gleichzeitig eine direkte Konfrontation mit britischen Interessen in der Region vermeiden. Als eine Art Kompromiss hatte er deshalb im September 1884 den Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831-1896) zum Generalkonsul in Sansibar ernannt. Nur widerwillig legitimierte Bismarck die Peter’schen Verträge durch einen offiziellen ‘Schutzbrief‘ am 27. Februar 1885. Peters ging es um die Errichtung einer Kolonie, die durch eine dafür eigens geschaffene Gesellschaft unter seiner Leitung verwaltet und wirtschaftlich ausgebeutet werden sollte. Zu diesem Zwecke gründete er im April 1885 die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft Karl Peters und Genossen, die knapp zwei Jahre später in die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft“ (DOAG) überführt wurde. Peters’ Vorbild war dabei die britische East India Company, die von 1757 bis zur Errichtung der Kronkolonie 1858 Indien militärisch und ökonomisch dominiert hatte.

Die DOAG versuchte ihren Einflussbereich durch Abschluss weiterer Verträge auszudehnen, um eine System von Handelsstützpunkten zu errichten. Die Vertreter der DOAG gerieten dabei zunehmend in Konkurrenz zu dem in der Region bereits lange etablierten, durch arabische Händler geprägten, Karawanenhandel. Die wirtschaftliche Rivalität, zusammen mit dem brutalen Vorgehen der Agenten der DOAG im Umgang mit der afrikanischen Bevölkerung reifen militanten Widerstand hervor (der sogenannte ‘Araberaufstand‘ von 1888/89) aus, der erst durch ein eigens entsandtes Expeditionskorps unter der Leitung von Hermann von Wissmann (1853-1905) niedergeschlagen werden konnte. Das Kaiserreich übernahm im Anschluss die Kontrolle über die Kolonie.

Die deutsche Herrschaft blieb aber auch in der Folge stets prekär. Insbesondere im Innern der Kolonie, das nur durch eine kleine Anzahl von Stützpunkten erschlossen war, beruhte die deutsche Vormachtstellung auf vielfältigen und stets dynamischen Bündnissen mit lokalen, afrikanischen Machthabern und dem Einsatz von Gewalt. Von ihren „Inseln von Herrschaft“, wie der Afrikahistoriker Michael Pesek diese Stationen nennt (Pesek 2005: 190), zogen Kolonialoffiziere, regelmäßig auf sogenannte ‘Strafexpeditionen‘ aus, welche die Sichtbarkeit und Macht des deutschen Staates demonstrieren sollten. Horst Gründer berichtet in seinem Standardwerk zur deutschen Kolonialgeschichte von 61 größeren solcher Unternehmungen in den Jahren zwischen 1891 und 1897.

Dabei spielten koloniale Hilfstruppen, die „Askaris“ (Askari bedeutet auf Swahili „Soldat“), eine zentrale Rolle. Ab 1890 sollten diese Männer eigentlich vermehrt vor Ort rekrutiert werden, jedoch bevorzugten die deutschen Offiziere ortsfremde Soldaten, insbesondere Sudanesen. Afrikanische Männer galten als leistungsfähiger als Europäer unter den klimatischen Bedingungen der Region und Sudanesen wurde in dieser rassistischen Logik eine besondere Kriegstüchtigkeit zugesprochen. Zusätzlich warb die deutsche Kolonialverwaltung Söldner aus dem Karawanenhandel (Rugaruga) und Sklavenjäger an. Ein Askari verpflichtete sich zu mindestens fünf Jahren Dienst. Viele Männer blieben aber oft bis zu Dienstuntauglichkeit. Der Dienst in der Schutzgruppe war für sie attraktiv, da ihnen der Sold relativ früh erlaubte, eine eigene Familie zu gründen, die nahebei in eigenen Ansiedlungen lebte. Es gab Aufstiegsmöglichkeiten und Auszeichnungen, ab März 1906 auch eine Form von Krankengeld und eine Art Witwenversorgung. Im Gegensatz zum Rest der afrikanischen Bevölkerung hatten Askaris ganz legal Zugang zu Waffen (standardmäßig eine Mauser und ein Hinterlader) und wurden sogar in der Bedienung von Maschinengewehren ausgebildet. Sie wurden eingesetzt bei Strafexpeditionen, zur Beaufsichtigung von Straßenbaumaßnahmen und zum Eintreiben von Steuern.

Abb. 2: Aufnahme einer Gruppe sudanischer Askari mit Offizieren (Daressalam), ohne Datum.

Dem Drill und der harten Disziplinierung (auch innerhalb des Militärs wurde die Prügelstrafe bevorzugt, wie gegenüber dem Rest der afrikanischen Bevölkerung), standen damit ganz konkrete Vorteile einer relativen Machtposition gegenüber. Nachweislich nutzten viele Askaris diese Stellung rücksichtlos aus, bestahlen, erpressten oder misshandelten die lokale Bevölkerung. Der tansanische Historiker Gilbert C. K. Gwassa, der Ende der 1960er Jahre Interviews mit Zeitzeug:innen durchführte, geht davon aus, dass insbesondere im Süden der Kolonie regelmäßig auch Vergewaltigungen vorkamen. Die deutschen Schutztruppenoffiziere verfolgten diese Straftaten jedoch nicht, sondern schauten weg oder stellten sich im Gegenteil sogar häufig schützend vor die beschuldigten Askaris.

Bei all dem bleibt die Kaiserliche Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika war im Vergleich zu anderen Kolonialeinheiten recht klein. Vor Beginn des Ersten Weltkriegs bestand sie insgesamt, von den beiden Stabsoffizieren bis runter zu den Feuerwerkern, aus 260 deutschen Soldaten und 2.472 Askari. 1905 waren es sogar nur 2.360 afrikanische Soldaten. Damit kamen auf jeden weißen Militärangehörigen ca. 25.550 Afrikaner:innen. Die deutsche Kolonialmacht war daher stets auch auf kooperationswillige Eliten im Land angewiesen. Eine besonders wichtige Rolle spielten dabei die von den Deutschen eingesetzten „Jumben“ (Dorfvorsteher), die zum Dank für ihre Loyalität am Steueraufkommen beteiligt wurden (zw. 4-10%).

Wirtschaftlich war die Kolonie DOA lange Zeit vom Elfenbeinhandel abhängig. Bis 1894 erbrachten die Stoßzähne der Dickhäuter die Hälfte des Werts des gesamten Handels der Kolonie. Jedoch ging die Ausfuhr zunächst zurück, von zunächst über 200 Tonnen, auf 66 Tonnen im Jahr 1900 und 19 Tonnen im Jahr 1906. Sechs Jahre später, 1912, wurde ein Spitzenwert erreicht: Die Kolonie exportierte 1.6969 Tonnen. Die Station Mahenge, deren Leitung Theodor von Hassel ab November 1904 übernahm, lag in einem großflächigen Elefantengebiet: Insbesondere das Kilomberotal bot ein ideales Habitat für die die grauen Riesen.

Abb. 3: Ausschnitt aus einer Wirtschaftskarte Deutsch-Ostafrikas aus dem Jahr 1902. Elefantengebiete sind mit „El“ und „Elef“ in violetter Schrift gekennzeichnet.

Nach der Dezimierung der Elefantenherden im nördlichen Teil der Kolonie durch intensive Bejagung seit den 1880ern wuchs dem südlichen Hochland um die Stationen Iringa, Mahenge und Songea (aber auch Lindi und Kilimatinde) eine wachsende wirtschaftliche Bedeutung zu. Mahenge lieferte den Löwenanteil des zwischen 1902 und 1905 an das Gouvernement in Daressalam, das dort versteigert wurde und so zur Finanzierung der Kolonie beitrug. Die Elefantenzähne waren jedoch nicht von der Schutztruppe vor Ort erjagt worden, sondern stammten aus Beschlagnahmungen, waren anstelle von Bargeld zu Zahlung von Steuern und Jagdlizenzen abgegeben oder als Geschenke bzw. eine Form von Tribut an den Stationsvorsteher übergeben worden. Elefantenzähne hatten damit auch eine große symbolisch-politische Bedeutung.

Andere Rohstoffe und Produkte der tropischen Plantagenwirtschaft mussten sich demgegenüber erst mühsam etablieren. Kaffee, den Theodor von Hassel nach seinem Ausscheiden aus der Schutztruppe auf seiner Farm Neu-Apenrade anbauen wollte, wurde zunächst nicht in großem Umfang exportiert. Im Jahr 1904 waren es insgesamt nur 7.682 kg. Später, im Jahr 1912, lag der Wert immerhin bei 672.478 kg (im Wert von 749.079 Mark).

Eva Bischoff

 

Mediathek

Bührer, Tanja (2011): Die Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika: Koloniale Sicherheitspolitik und transkulturelle Kriegführung, 1885 bis 1918. München: Oldenbourg.

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Gißibl, Bernhard (2016): The Nature of German Imperialism: Conservation and the Politics of Wildlife in Colonial East Africa. The Environment in History Bd. 9, New York: Berghahn.

Gründer, Horst (2023): Geschichte der deutschen Kolonien. 8., aktualisierte Auflage, Paderborn: Schöningh.

Gwassa, Gilbert C. K. (2005): The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907. InterCultura Bd. 5, Köln: Köppe.

Jahrbuch für das Deutsche Reich (1910), hier S. 396, zitiert nach: Lebendiges Museum Online, https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/Ansaessige-Deutsche-1910, 15.10.2024.

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Pesek, Michael (2005): Koloniale Herrschaft in Deutsch-Ostafrika: Expeditionen, Militär und Verwaltung seit 1880. Frankfurt a.M.: Campus.

Spalding (1920): „Deutsch-Ostafrika“, in: Schnee, Heinrich (Hg.): Kolonial-Lexikon, Bd 1., Leipzig: Quelle & Meyer, S. 357-407, Digitalisat online verfügbar unter https://www.archive.org/details/bub_gb_jYszAQAAMAAJ/page/n10/mode/1up, 15.10.2024.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Daniel Pelz: Wie läuft die Aufarbeitung des
deutschen Kolonialismus?, Deutsche Welle, Sendung vom23.04.2021, https://www.dw.com/de/wie-l%C3%A4uft-die-aufarbeitung-des-deutschen-kolonialismus/a-57314614,
15.10.2023.

Abb. 2 Simon, O.A. (ohne Datum): Sudanesen Askari (Daressalam), Format 8,5×10, Glasplatte-Negativ, Bildnummer 018-0142-19, Digitalisat online verfügbar über Universitätsbibliothek Frankfurt, Koloniales Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft, urn:nbn:de:hebis:30:2-859483.

Abb. 3: Wirtschaftskarte von Deutsch-Afrika. Im amtlichen Auftrage und in Verbindung mit dem Kolonial-Wirtschaftlichen Komitee, auf Grund der Berichte der Bezirksämter u. Militärstationen, nach eigenen Erkundungen u. anderen Angaben, bearbeitet von Carl Uhlig; die topographische Grundlage ist die Karte von Max Moisel, in: Denkschrift über die Entwicklung der deutschen Schutzgebiete in Afrika und der Südsee, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 1902, Digitalisat online verfügbar über Old Maps Online, Univerzita Karlova, http://digitool.is.cuni.cz/R/-?func=dbin-jump-full&object_id=1172944&silo_library=GEN01, 15.10.2024.

 

Ein Trierer im Kolonialkrieg: Theodor von Hassel in Deutsch-Ostafrika

Theodor von Hassel: Eine Kurzbiographie

Emma und Theodor von Hassel in Daressalam (circa 1908)

Theodor (Berthold Paul) von Hassel wurde am 29. September 1868 als zweites Kind der Eheleute Friedrich (Julius) Hassel (1833-1890) und Elise Helene Christiane Hassel (geb. Thormann, 1846-1896) in Trier geboren. Sein Vater war hier als preußischer Offizier der 16. (Infanterie-)Division stationiert. Die Familie wohnte zu diesem Zeitpunkt laut Adressbuch des Jahres 1868 in der Brückenstrasse (No. 221). Seinem Vater gelang der gesellschaftliche Aufstieg durch eine erfolgreiche Soldatenkarriere: Er kämpfte in allen preußischen Militärkampagnen zwischen 1864 und 1871, wurde mehrfach für seine Leistungen ausgezeichnet und 1887 für seine Verdienste sogar von Wilhelm I. in den Adelsstand erhoben. Eine echt preußische Aufsteigergeschichte.

Theodor folgte in den Fußstapfen seines Vaters und schlug eine militärische Karriere ein. Nach seiner Ausbildung diente er mehrere Jahre in Schleswig-Holstein (Flensburg) und Dänemark (Sonderburg). Doch die Chancen auf eine glanzvolle militärische Laufbahn standen schlecht, denn das Kaiserreich hatte seine Grenzen 1870/71 konsolidiert und Kriege mit den europäischen Nachbarn waren zeitnah nicht zu erwarten. Im Jahr 1903 meldete von Hassel sich freiwillig für den Dienst in der sog. ‘Schutztruppe‘ und ging nach Deutsch-Ostafrika. Im November 1904 übernahm er die Leitung der Station des Militär- und Verwaltungsstützpunktes Mahenge im Süden der Kolonie mit einer Besatzung von (inklusive des Kommandeurs) fünf deutschen Offizieren und 60 Askari (afrikanische Hilfstruppen). Die Station wurde während des Maji-Maji-Krieges (1905-1907) mehrfach angegriffen. Durch den Einsatz zweier Maschinengewehre in Kombination mit Gewehrfeuersalven gelang es von Hassel seinen Posten zu verteidigen. Unter den Angreifenden richtete er damit ein Blutbad an (von Hassel 1929: 61).

Nachdem er den Widerstand in seinem Bezirk niedergeschlagen hatte, erhielt von Hassel Heimaturlaub. Er kehrte 1907, frisch vermählt mit Emma Jebsen (geb. 1885), in die Kolonie zurück. Durch seine Heirat war der Schutztruppenoffizier nun mit Michael Jebsen (1835-1899), ein erfolgreicher Reeder und Politiker der Nationalliberalen Partei, verbunden. Bei seiner Rückkehr erhielt Theodor von Hassel, wie bereits sein Vater vor ihm, den preußischen Roten Adlerorden (IV. Klasse mit Schwertern). Er übernahm nun bis zu seinem Ausscheiden aus der Schutztruppe im Jahr 1909 das Kommando der 5. Kompanie in Massoko bei Neu-Langenburg.

1910 gründete die Familie in den Usambara-Bergen eine Kaffeeplantage (Farm Neu-Apenrade, benannt nach dem Wohnort der Familie Jebsen). Doch die Farm existierte nur kurz: Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges trat von Hassel wieder in die Schutztruppe ein und kämpfte unter dem Kommando des in Saarlouis geborenen Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) gegen die britischen und belgischen Truppen, welche die deutsche Kolonie besetzen wollten. Während Lettow-Vorbeck noch bis 1918 einen erbitterten Guerillakampf gegen die Alliierten führte, wurde von Hassel bereits im November 1917 gefangen genommen. Erst 1919 kam er frei. Es gelang ihm im Anschluss nicht, in der neuen Republik Fuß zu fassen. Seine Ehe, aus der drei Kinder hervorgegangen waren, zerbrach. Als 1926 deutsche Staatsbürger wieder in die ehemalige Kolonie einreisen durften, kehrte von Hassel wieder nach Afrika zurück. Im jetzt britischen Tanganjika versuchte der ehemalige Kolonialoffizier erneut, eine Kaffeeplantage aufzubauen, diesmal in der Nähe von Mahenge. Sein Sohn und spätere CDU Politiker Kai-Uwe von Hassel (1913-1997), unterstützte ihn dabei. Theodor von Hassel starb am 29. November 1935 und wurde auf dem Soldatenfriedhof der ehemaligen Kolonialstation begraben.

Eva Bischoff

Mediathek

Adreßbuch der Stadt Trier (1868). Zusammengestellt auf Grund der amtlichen Volkszählung vom 3. Dezember 1867. Nebst einem Anhange von Geschäfts-Anzeigen. Trier: Lintz, S. 111, Digitalisat verfügbar unter: Dilibri Rheinland-Pfalz, https://www.dilibri.de/rlb/periodical/structure/1257888, 06.09.2024.

Hassel, Theodor v. (1929): Der Militärbezirk Mahenge im Aufstand 1905. Niedergeschrieben in Mahenge im Jahre 1929, S. 78, Digitalisat verfügbar unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30:2-258591, 06.09.2024.

Kilian, Dieter E. (2013): Kai-Uwe von Hassel und seine Familie. Zwischen Ostsee und Ostafrika; militär-biographisches Mosaik. Berlin: Hartmann Miles.

Bildnachweis

Hassel, Theodor v. (1929): Der Militärbezirk Mahenge im Aufstand 1905. Niedergeschrieben in Mahenge im Jahre 1929, S. 78, Digitalisat verfügbar unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30:2-258591, 06.09.2024.

Trier Postkolonial. Eine Spurensuche

Die deutsche Kolonialgeschichte findet zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit. Häufig geht es dabei um die „große Politik“. Aber Kolonialismus durchdrang auch den Alltag, auch in Trier.

Die Rolle Deutschlands als Kolonialmacht steht inzwischen häufiger im Zentrum der öffentlichen Berichterstattung: Sei es die Diskussion um die Rückgabe der Benin-Bronzen, die Auseinandersetzungen um mögliche Entschädigungen für Herero und Nama, deren Vorfahren 1904-08 einem kolonial-deutschen Völkermord zu Opfer gefallen sind oder die Bitte um Vergebung für die Gewalttaten der deutschen Kolonialherren durch Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im November 2023.

Dem aktuellen Medienrummel steht bei vielen Menschen eine Wissenslücke gegenüber. Denn die deutsche Kolonialgeschichte wurde in der Schule lange Zeit gar nicht oder nur sehr stiefmütterlich behandelt. Wer schon einmal etwas davon gehört hat, verbindet damit zumeist die „große Politik“: Otto von Bismarcks strategische Bemühungen und die Konkurrenz Deutschlands mit anderen Weltmächten im Vorlauf zum Ersten Weltkrieg.

Koloniale Spurensuche in Bremen. Ein Vorbild für Trier? Foto: E. Bischoff

Kolonialismus war jedoch nicht nur eine Sache von Politikern und Geschäftsmännern, sondern durchdrang die ganze Bevölkerung. Der Alltag der Menschen war vom Kolonialismus geprägt – sowohl in den Kolonien als auch im sogenannten „Mutterland“. Es gibt viele Beispiele: Der Konsum von Kaffee oder Zigarren, die Beliebtheit der Unterhaltung durch sogenannte „Völkerschauen“ oder „Wild West Shows“, die steigende Zahl von Auswanderungen in Kolonien und die Unterstützung von Missionsarbeit in deutschen und anderen europäischen Kolonien. Kolonialismus war, in den Worten der Historiker Jürgen Osterhammel und Jan Jansen, „eine durch ausgeübte bzw. permanent angedrohte Gewalt gestützte Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven“. Er diente den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Kolonialherren und wurde von diesen mit rassistischen Vorstellungen von der eigenen Überlegenheit begründet (Osterhammel & Jansen 2021: 25-26). Gleichzeitig war Kolonialismus ein Alltagsphänomen, welches das Leben und Denken der Menschen prägte. Wer den Kolonialismus und seine Folgen verstehen möchte, muss sich also mit vielem auseinandersetzen: mit Politik, Wirtschaft, Kunst und Alltagskultur. Die Spuren des Kolonialismus finden sich daher überall – auch in Trier.

Diesen Spuren ist eine Gruppe von Studierenden unter der Leitung von PD Dr. Eva Bischoff nachgegangen. Da es keine Literatur zum Thema „Kolonialismus in Trier“ gibt, sammelte die Arbeitsgruppe zwischen Oktober 2022 und 2023 Informationen direkt in Archiven und Bibliotheken. Diese Recherchen zeigen, dass Trier und die Menschen in der Region bereits koloniale Verbindungen hatten, bevor am 24. April des Jahres 1884 offiziell die erste deutsche Kolonie namens Deutsch Südwestafrika, heute Namibia, gegründet wurde. Und das offizielle Ende der deutschen Kolonialherrschaft bedeutete nicht das Ende des Kolonialismus. So engagierten sich insbesondere wohlhabende Bürger:innen in kolonialpolitischen Organisationen wie der Deutschen Kolonialgesellschaft, um sich gegen die in Artikel 119 des Versailler Vertrags festgeschriebene Abtretung der deutschen Kolonien zu wehren.

In den kommenden Wochen folgen ausgewählte Beiträge, die einzelne Aspekte der Trierer Kolonialgeschichte vorstellen. Die Spurensuche ist noch nicht zu Ende.

Eva Bischoff

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Bundespräsident: Rede an der Maji-Maji-Gedenkstätte 01.11.2023, https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2023/11/231101-Songea-Maji-Maji-Museum.html, 09.06.2024.

Bundesregierung: Rede der Kulturstaatsministerin Roth zur Rückgabe der ersten Benin-Bronzen an Nigeria 20.12.2022, https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/rede-abuja-2155230, 09.06.2024.

Bundestag: Restitution der Benin-Bronzen kontrovers bewertet, Aktuelle Stunde 12.05.2023, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw19-de-aktuelle-stunde-benin-bronzen-947704, 09.06.2024.

Deutschlandfunk Kultur: Genozid an den Herero und Nama. Namibia will Neuverhandlung des Abkommens von 2021. Tomas Fitzel im Gespräch mit Gabi Wuttke 05.11.2022, https://www.deutschlandfunkkultur.de/genozid-an-den-herero-und-nama-100.html, 09.06.2024.

Kundrus, Birthe (Hg.) (2003): Phantasiereiche: Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt a.M.: Campus.

Osterhammel, Jürgen & Jansen, Jan C. (2021): Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen. 9. vollständig überarbeite u. aktualisierte Aufl., München: C.H. Beck 2021.

Kinderschicksale

Deutsche Frauen, die sich während der Rheinlandbesetzung mit französischen Kolonialsoldaten einließen, wurden sozial geächtet. Noch härter aber traf es die Kinder, die aus einvernehmlichen oder nicht einvernehmlichen sexuellen Kontakten mit diesen Soldaten hervorgingen. Sie wurden nicht nur rassistisch diskriminiert – viele von ihnen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus zwangssterilisiert.

Der Einsatz von Kolonialsoldaten als Teil der französischen Besatzungstruppen wurden in den 1920er Jahren propagandistisch ausgeschlachtet. Sie galten als gewaltbereit und triebgesteuert. Eine breite Koalition bürgerlich-konservativer Organisationen wie die Rheinische Frauenliga (RFL) lief gegen ihre Anwesenheit auf deutschem Boden Sturm. Sie behaupteten, dass insbesondere die afrikanischen Männer unter den Soldaten eine Gefahr für Frauen und Kinder in der Besatzungszone darstellen würden.

Die Propagandaschlacht um die Tirailleurs Sénégalais, die französischen Senegalschützen, ist in der Forschung gut dokumentiert. Doch die Rekonstruktion von individuellen Lebensgeschichten stellt bis heute eine große Herausforderung dar. So ist die genaue Zahl der Betroffenen bis heute noch nicht genau geklärt. Das Preußische Innenministerium ging 1934 von 500-600 Kindern aus, deren Väter als französische Kolonialsoldaten nach Deutschland gekommen waren. Zwei Einzelschicksale sind jedoch durch die intensive Arbeit der Historikerinnen Tina Campt (2004) und Julia Roos (2013) bekannt geworden: Hans Hauck aus Dudweiler, das weniger als 60 km Luftlinie von Trier entfernt liegt, und Erika M. aus Worms. Beide Schicksale sollen hier kurz vorgestellt werden. Sie stehen exemplarisch für die unterschiedlichen Erfahrungen, die Afrodeutsche in der Weimarer Republik, während des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik machten.

Hans Hauk

Hans Hauck wurde am 10. August 1920 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater, Benmansur Belabissi, war zunächst als Kolonialsoldat in Saarbrücken stationiert und wurde dann nach Frankfurt a.M. verlegt. Seine Mutter folgte Belabissi dorthin in dem Versuch, den Anfeindungen und Angriffen in der kleinen Gemeinde Dudweiler, heute ein Teil von Saarbrücken, zu entgehen. Die alleinerziehende Frau kehrte jedoch bald wieder in die Heimat zurück. Sie starb als ihr Sohn acht Jahre alt war. Hans Hauck wuchs danach bei seiner Großmutter auf. Als uneheliches Kind eines algerischen Besatzungssoldaten wurde er, insbesondere von Mitschüler:innen und Nachbarskindern, regelmäßig rassistisch diskriminiert.

Hans Hauck mit seiner Mutter, 1920er
Sammlung Dr. Peter Martin, Hamburg

Wie viele Jungen seines Alters identifizierte sich auch Hauck stark mit seinem Heimatland und strebte danach, als gleichwertig anerkannt zu werden. Da er in der Katholischen Jugend ausgegrenzt wurde, trat er 1933 der Hitlerjugend (HJ) bei. Mit fünfzehn erhielt er einen Ausbildungsplatz bei der Reichsbahn. Ein Jahr später, 1936, wurde Hauck im Gesundheitsamt Saarbrücken einer „erbbiologischen“ Untersuchung unterzogen. Er selbst beschreibt dies als „Pseudogerichtsverhandlung“ (Campt 2004: 72). Grundlage seiner Untersuchung war das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Als Basis für die Umsetzung des Gesetzes erstellten die Gesundheitsämter sog. „Erbarchive“. Die Arbeit an dieser Kartei begann im Saarland im März 1936. Als Waise war Hauck bereits den staatlichen Fürsorgestellen bekannt und seine Daten wurden weitergeleitet. Im Alter von 16 Jahren wurde er gegen seinen Willen und ohne Betäubung sterilisiert. Zehn Tage später kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück. Sein Arbeitgeber wurde über den Eingriff informiert.

Hans Hauck war nicht das einzige Kind eines französischen Kolonialsoldaten, dem dieses Schicksal widerfuhr. Auf der Basis eines „Führerbefehls“ vom 18. April 1937 wurde die Zwangssterilisierung der Rheinlandkinder gezielt vorangetrieben. Anders als die Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ hatte die Aktion damit keine gesetzliche Grundlage. Sie sollte daher so geheim wie möglich durchgeführt werden. Die Gestapo Berlin bildete dazu eigens die „Sonderkommission 3“, bei der alle Fäden zusammenliefen. Es wurden drei Expertenkommissionen gebildet, welche die Untersuchungen und Zwangssterilisationen koordinierten. Zu ihrer Unterstützung konnten sie dabei auf nicht nur auf die lokale Gestapo, sondern auch auf die Mit- und Zuarbeit von Amtsärzten, Gesundheitsämtern, Wohlfahrtsämtern, Landräten, Bürgermeistern, der Polizei und der Standesämter zurückgreifen. Diese Form der Kooperation war bereits seit 1934 etabliert. Wie die Medizinhistorikerin Gisela Tascher (2016) rekonstruieren konnte, wurden von der für Saarbrücken zuständigen Expertenkommission insgesamt 18 Personen erfasst. Fünf junge Frauen wurden als „Besatzungsmischlinge“ zwischen Juni und September 1937 im Bürgerhospital Saarbrücken zwangssterilisiert. Insgesamt ist davon auszugehen, dass zwischen 300 und 400 Kinder dieser Kampagne zum Opfer fielen (Campt 2004: 73).

Die Geisteshaltung, die derartige Übergriffe auf die körperliche Unversehrtheit möglich machte, verbreitete sich aber nicht erst unter den Nationalsozialisten. Sogenannte „Mischlinge“ galten spätestens seit den Untersuchungen Eugen Fischers, die er 1908 in der Kolonie Deutsch Südwestafrika (heute Namibia) durchgeführt hatte, als „minderwertig“. Ihre „erbbiologischen Anlagen“ drohten sich angeblich in ihren Nachkommen weiter fortzupflanzen und damit den deutschen „Volkskörper“ zu verunreinigen und zu schwächen. Fischer fungierte als einer von mehreren Sachverständigen bei den Untersuchungen des Jahres 1937. Doch sein Einfluss ging weit über diese Funktion hinaus: Seine Arbeiten legten die Grundlage für nationalsozialistische Rassentheorien. Er hatte in der Zeit des Nationalsozialismus zentrale Positionen in der Anthropologie inne, die das Fach und die Politik prägten. Fischer war von 1927 bis 1942 unter anderem Professor für Anthropologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem. Der Titel seiner Antrittsrede zum Rektor der Berliner Universität am 29. Juli 1933 war programmatisch: „Der völkische Staat, biologisch gesehen.“ Hitler kannte und schätzte seine Arbeiten.

Hans Hauck, der eines von vielen Opfern der von Fischer mitentwickelten, rassistischen NS Biopolitik wurde, schied aus der HJ aus, schloss seine Ausbildung ab und arbeitete bis 1942 bei der Reichsbahn. Obwohl 1939 ursprünglich ausgemustert, erhielt er ab 1941 Einladungen zur vormilitärischen Ausbildung. Da diese durch die SA durchgeführt wurde, befürchtete Hauck wieder in die Fänge der NS-Biopolitik zu geraten und unternahm mit 21 einen Selbstmordversuch. Ein Jahr später trat er dann doch der Wehrmacht bei. Einerseits wusste er aus seinen Erfahrungen in der HJ, dass die Uniform einer als staatstragend angesehen Organisation einen gewissen Schutz vor Diskriminierung bot. Menschen sahen die Uniform, nicht ihn als Person. Gleichzeitig war er sich sehr genau bewusst, welch große Gefahr von der nationalsozialistische „Rassenhygiene“ für ihn ausging. Seine Furcht war berechtigt: „Ein Kamerad, der mit mir sterilisiert worden war, der ist nicht wiedergekommen. Der kam ins Lager.“ (Campt 2004: 218) Hauck wurde mehrfach verwundet und Anfang 1945 bei Warschau durch die sowjetische Armee gefangen genommen. Nach seiner Entlassung 1949 wanderte er nach Kanada aus. Später kehrte er nach Dudweiler zurück, wo er im Oktober 2003 verstarb.

Erika M.

Erika M. (ein von der Historikerin Julia Roos eingeführtes Pseudonym) wurde 1919 in Worms geboren. Sie war die Tochter einer deutschen Mutter und eines senegalischen Kolonialsoldaten. Sein Regiment war bis Juni 1920 in Worms stationiert. Erikas Mutter, die mit einem Deutschen verheiratet war, gebar in der Nachkriegszeit zwei weitere außereheliche Kinder: Gudrun, Tochter eines weißen französischen Soldaten, und Ludwig, Sohn eines vietnamesisch-französischen Soldaten. 1923 entzog das Wormser Fürsorgeamt der Mutter aufgrund des Vorwurfs der Prostitution das Sorgerecht für ihre beiden Töchter. Dieser Vorwurf wurde häufig gegen deutsche Frauen erhoben, die Beziehungen zu den Besatzungssoldaten eingingen. Es ist bis heute unklar, was aus ihrem fünf Jahr jüngeren Halbbruder geworden ist. In den späten 30ern lebte er bei einer Pflegefamilie in Alsfeld. Sicher ist, dass er 1938 als „andersrassiger“ für eine vom Rassenpolitischen Amt der NS-DAP geplante reichsweite „Farbigenkartothek“ erfasst wurde. Danach verliert sich seine Spur. Gudrun und Erika wurden in ein Kinderheim eingewiesen, das von einem Wormser Industriellen und seiner Gattin, der Familie B., gestiftet worden war und vom Evangelischen Missions-Frauenverein geführt wurde. In dem Heim waren mehrere Diakonissen tätig, Frauen, die einer Schwesternschaft angehörten und ihr Leben caritativer Arbeit widmeten. Frau B. war Ehrenvorsitzende des Vereins und engagierte sich in der Leitung des Hauses.

Zwischen der Ehrenvorsitzenden und dem Heimkind entwickelte sich eine enge persönliche Beziehung, die bis in die 1950er Jahre aufrechterhalten blieb. Es war eine in vielerlei Hinsicht ungleiche Freundschaft. Frau B., Gattin eines Industriellen aus einer alten brandenburgischen Adelsfamilie und Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP), hatte in den 1920er und 1930er viele Privilegien inne. Wie auch ihr Mann hatte sie zunächst die Machtübergabe an die Nationalsozialisten begrüßt. Beiden standen allerdings der Glaube und ihre Sympathien für Vertreter der Bekennenden Kirche einer vollständigen Integration in das NS-System im Wege. So wurde Herr B. nie Mitglied der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation, auch wenn er in führenden Positionen in der lokalen Verwaltung und bei der Kriegswirtschaftsplanung mitarbeitete.

Frau B.s Einstellung gegenüber Erika M. war von einer Mischung aus Fürsorge und Rassismus geprägt. Nicht nur betitelte sie das Heimkind mit einem rassistischen Kosenamen („Mohrchen“), sondern ging auch davon aus, dass Erika besonders streng erzogen werden müsse. Denn sonst, so nahm Frau B. im Sinne der oben dargestellten eugenisch-rassistischen Lehre an, würde Erikas „leichtsinniges Erbteil“ durchschlagen. Außerdem gelte es Erika vor ihrer eigenen Mutter zu beschützen, die ihr Kind angeblich „als Schaustück für einen Zirkus“ oder als Schankmagd „vermieten“ wollte (Roos 2013: 156). Gleichzeitig sorgte sich Frau B. wegen der zunehmenden Diskriminierung, die Erika M. aufgrund ihres „fremdländischen Aussehens“ erfuhr. Ähnlich wie bei Hans Hauck intensivierte sich diese mit Beginn der Schulausbildung: „In der Schule fing man mit Necken an, und alle die Dich lieb hatten, sahen viel Leiden voraus.“ (Roos 2013: 155) Ganz ihrem paternalistischen Selbstverständnis entsprechend, arrangierte Frau B. daraufhin Erikas Unterbringung in der Erziehungsanstalt Talitha Kumi in Jerusalem. Die gläubige Protestantin ging davon aus, dass das Kind in einem multikulturellen Umfeld eher akzeptiert würde. Ihr Vorgehen war kein Einzelfall. In den 1920er Jahren waren mehrere Versuche unternommen worden, die Rheinlandkinder von ihren Müttern zu trennen und mit Hilfe von Missionsgesellschaften in Afrika oder Asien anzusiedeln. Von staatlicher Seite wurde diese Idee allerdings 1928 verworfen, da die meisten Familien sich weigerten, ihre Kinder herzugeben. Frau B. hingegen berichtete später von mehreren „katholischen Negerabkömmlinge[n] aus Worms“, die während der Weimarer Zeit in Marokko untergebracht worden waren (Roos 2013: 155). Erika, so die feste Überzeugung von Frau B., sollte aber auch außerhalb von Deutschland in einem protestantischen Umfeld erzogen werden. Talitha Kumi bot sich daher aus mehreren Gründen an.

Mädchenschule Talitha Kumi, Jerusalem 1910

Talitha Kumi, ein Kinderheim für arabische Mädchen, war im Jahr 1851 durch den evangelisch-lutherischen Pfarrer Theodor Flieder (1800-1864) gegründet worden. Seine Arbeit wurde durch den Jerusalemsverein, eine nationalistische, protestantische Organisation zur Stärkung des Christentums im Heiligen Land, das damals Teil des Osmanischen Reiches war, unterstützt. Flieder und seine Frau Friederike (1800-1842) hatten bereits 1833 im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth mit der Frauenbildungsarbeit begonnen. Ausgehend von der Betreuung entlassener Häftlinge etablierte das Ehepaar 1836 die „Pflegerinnen- oder Diakonissenanstalt“ am Kaiserswerther Markt. Die Kaiserswerther Diakonissen, wie die dort ausgebildeten Frauen fortan genannt wurden, verbanden in ihrer Tätigkeit innere und äußere Mission. So arbeiteten Kaiserswerther Diakonissen sowohl in dem von Frau B. gestifteten Kinderheim in Worms, als auch in Talitha Kumi. Mit Ende des Ersten Weltkrieges wurde das Schulgelände in Jerusalem Teil des britischen Mandatsgebietes. Als Erika M. die Schule im März 1931 erstmals betrat, hatte die Einrichtung gerade mal seit sechs Jahren wieder geöffnet – erst 1925 hatten die britischen Behörden das beschlagnahmte Gelände wieder freigegeben.

Durch die Unterbringung in Talitha Kumi entging Erika M. sowohl den Verfolgungen, die das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ auslöste, als auch der 1937 intensivierten NS-Sterilisierungskampagne gegen die Kinder französischer Kolonialsoldaten. Aber die zwölfjährige Erika M., das wissen wir aus einem Brief einer Diakonissin an Frau B., hatte in ihrer Zeit in Talitha Kumi großes Heimweh nach Worms. Die von rassistischen Annahmen geleitete Vermutung, das Kind hätte es in einem multikulturellen Umfeld leichter, bewahrheitete sich damit nicht.

Mit Kriegsbeginn 1939 musste Talitha Kumi den Schulunterricht bereits wieder einstellen. Erika M. wurde, wie andere deutsche Staatsangehörige auch, in das von der britischen Mandatsregierung eingerichtete Internierungslager in Templer-Kolonie Wilhelma (heute Bnei Aratot in der Nähe von Tel Aviv) gebracht. Obwohl von deutscher Seite ausgegrenzt, als ‘Rheinlandbastard‘ diskriminiert und gegen ihren Willen nach Palästina gebracht, galt sie in den Augen der Mandatsverwaltung als Deutsche. Erika war dort von 1940 bis zur Schließung des Lages im April 1948 festgesetzt. Im Winter 1947/48 heiratete sie Heinrich M., den sie vermutlich im Internierungslager kennengelernt hatte. In dieser Phase drehte sich das Machtverhältnis zwischen Erika M. und Frau B. für einen kurzen Zeitraum um: Erika schickte aus Palästina Pakete nach Worms, so etwa zu Weihnachten 1947 mit, wie Frau B. schrieb, „wunderbaren Kostbarkeiten“, „Dein Geschenk hat uns eine große Hilfe bedeutet“ (Roos 2013: 158).

Im Jahr 1949 machten sich Heinrich und Erika M. mit ihrem ersten Kind auf den Weg nach Westdeutschland. Entgegen Erikas Hoffnungen zogen sie nicht nach Worms, sondern nach Schwege bei Dinklage, dem Geburtsort ihres Mannes. Dort lebte die Familie unter Bedingungen, die selbst in der Nachkriegszeit als extrem ärmliche Verhältnisse galten. Drei weitere Kinder des Paares kamen zur Welt. Die Lage der Familie war verzweifelt.

Und so nahm Erika M. im April 1954 Kontakt zu Frau B. auf. Diesmal wieder in der Haltung einer Hilfesuchenden: Sie bat Frau B. darum, Patin ihres jüngsten Sohnes zu werden und fragte nach Informationen über ihre Herkunft, um eventuell Ansprüche bei der Deutschen Wiedergutmachungsbehörde stellen zu können. Aus ihrem Anschreiben geht hervor, dass Erika M. bis zu ihrem vierunddreißigsten Lebensjahr keinerlei Informationen über ihren Vater oder die Gründe für die Trennung von ihrer Mutter und der Einweisung in ein Kinderheim hatte. Dies dürfte für sie eine große emotionale Belastung dargestellt haben.

Die meisten biographischen Informationen über die Geschichte Erika M.s stammen aus dem Antwortschreiben, das Frau B. im Mai des gleichen Jahres an ihren ehemaligen Zögling schickte und welches dank der Arbeit der Historikerin Julia Roos nun öffentlich zugänglich ist. In diesem Brief hält B. abschließend fest, dass ihr „kein Unrecht geschehen“ sei. Im Gegenteil: „Alle wollten immer nur Dein Bestes.“ (Roos 2013: 156) Wie Heinrich Hauck konnte auch Erika M. in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft nicht Fuß fassen. Im Jahr 1957 entschieden sie und ihr Mann, mit Hilfe der Amerikanisch Lutherischen Kirche in die USA auszuwandern. Der Kontakt zwischen Frau B. und Erika M. brach mit der Emigration ab. Vier Jahre später starb Erika M. im US-Bundesstaat Kentucky. Es ist nicht klar, ob sich die Familie dort niedergelassen hatte. Doch falls ja, waren Heinrich und Erika M. mit ihren Kindern auch dort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit rassistischen Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt. Denn bis 1967 war dort unter anderem ein Anti-Mischehengesetz aus dem Jahr 1792 in Kraft.

Eva Bischoff & Gianina Lambert

Mediathek

Campt, Tina M. (2004): Other Germans. Black Germans and the Politics of Race, Gender and Memory in the Third Reich. Ann Arbor, MI: University of Michigan Press.

Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz (2018): Erster Weltkrieg und Besatzungszeit im heutigen Rheinland-Pfalz, https://www.1914-1930-rlp.de/startseite.html, 16.05.2022.

Küntzel, Astrid, Friederike Fliedner, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/friederike-fliedner-/DE-2086/lido/57c6ade39d12e1.47950339, 16.05.2022.

Küntzel, Astrid, Theodor Fliedner, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/theodor-fliedner/DE-2086/lido/57c6ae0a8151d7.14353803, 16.05.2022.

Lewerenz, Susann/ Bernhard, Philipp (2019): Verflechtungen. Koloniales und rassistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus: Voraussetzungen, Funktionen, Folgen. Materialien für die Bildungsarbeit. Hamburg: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Neuengammer Studienhefte, 05).

Lüpke-Schwarz, Marc von (16.08.2013): Diakonissen im Heiligen Land, Deutsche Welle, https://www.dw.com/de/diakonissen-im-heiligen-land/a-16938184, 16.05.2022.

Pommerin, Reiner (1979): „Sterilisierung der Rheinlandbastarde“. Das Schicksal einer farbigen deutschen Minderheit 1918-1937. Düsseldorf: Droste.

Roos, Julia (2013): Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte des Rassismus. Anregungen für eine Erforschung der ‘Rheinlandbastarde’ aus einem privaten Briefwechsel. In: Birthe Kundrus und Sybille Steinbacher (Hg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten. Der Nationalsozialismus in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, 29), S. 154–170.

Tascher, Gisela (2016): Handeln auf Befehl des Führers. Die illegale und streng geheime Zwangssterilisation der „Rheinlandbastarde“ von 1937 und die Strafverfolgung der ärztlichen Täter nach 1945. In: Deutsches Ärzteblatt 113 (10), A420-422 [Anmerkungen A4-A6], https://www.aerzteblatt.de/archiv/175272/NS-Zwangssterilisationen-Handeln-auf-Befehl-des-Fuehrers, 16.05.2022.

Bildnachweise

Hans Hauck mit seiner Mutter, 1920er. Sammlung Dr. Peter Martin, Hamburg.

Talitha Kumi 1910. National Photo Collection of Israel, Photography dept. Government Press Office, digital ID D220-024, https://commons.wikimedia.org, 16.01.2022.

Die Rheinlandbesetzung 1918-1930

Das Ende des Ersten Weltkrieges und die anschließende Besetzung des Rheinlandes versetzte die deutsche Gesellschaft in Aufruhr. Die Auseinandersetzungen rückten Trier und die Region zwischen 1918 und 1930 in doppelter Hinsicht in den Fokus der nationalen aber auch der internationalen Politik.

Der Erste Weltkrieg endete mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918. Die Vereinbarung von Compiègne hatte für Trier sofort unmittelbare Konsequenzen: Die Stadt lag in dem linksrheinischen Gebiet, das zusammen mit ausgewählten, strategischen Brückenköpfen entlang des Rheins (z.B. Köln, Koblenz und Mainz) und einem 10 Kilometer breiten Streifen auf der rechten Seite des Rheins von alliierten Truppen besetzt werden sollte.

Bild 1: Karte der Alliierten Rheinlandbesetzung, Autor: Ziegelbrenner, Wikimedia Commons

Die Stationierung von Besatzungstruppen sollte jedoch keine Gebietsansprüche sichern, sondern die Entmilitarisierung in dem vormaligen Aufmarschgebiet garantieren. Entsprechend rückten am 1. Dezember 1918 amerikanische Besatzungstruppen in die Stadt ein.

Doch die Waffenruhe von Compiègne war zunächst nur für 36 Tage gültig. Die Nachverhandlungen zwischen der deutschen Delegation unter der Leitung von Matthias Erzberger und den Alliierten, die bis zum Abschluss der Versailler Verträge die Beziehungen zwischen den vormaligen Kriegsparteien regelten, fanden in Trier statt. Die Repräsentanten trafen sich im Trierer Hauptbahnhof – genauer gesagt in der Bahnhofsgaststätte und dem „Wagen von Compiègne“: Dieser zu einem Salonwagen umgebaute Eisenbahnwagon diente seit Ende Oktober als mobiles Büro des Generalstabs von Marschall Foch, in ihm war auch der Waffenstillstand ursprünglich vereinbart worden. Die Delegationen trafen sich jeweils am 16. Dezember 1918 sowie am 13. Januar und 16. Februar 1919.

Bild 2: Erzberger in Trier 1919

Der Versailler Vertrag schrieb die Entmilitarisierung fest und dehnte die demilitarisierte Zone rechtsrheinisch auf 50 Kilometer aus. Zu den militärisch-strategischen Zielen traten nun auch ökonomische: Die Besatzung sollte die Tilgung der in Versailles vereinbarten Reparationszahlungen gewährleisten. Das sog. „Rheinlandabkommen“ des Vertrags, der am 10. Januar 1920 in Kraft trat, buchstabierte die Bedingungen der Besatzung aus und etablierte die Haute Commission Interalliée des Territoires Rhénans (HCITR) mit Sitz in Koblenz. Auf lokaler und regionaler Ebene blieben die deutschen Verwaltungsstrukturen erhalten. Ihre Arbeit wurde jedoch streng kontrolliert und auch die Pressefreiheit wurde eingeschränkt.

Trier und die Region blieben auch unter diesen Bedingungen im Zentrum der nationalen und internationalen Aufmerksamkeit. Grund dafür waren die Auseinandersetzungen um den Einsatz von Kolonialsoldaten als Teil der französischen Besatzungstruppen, die ab Januar 1923 die Soldaten der American Forces in Germany (AFG) ersetzten. Dazu gehörten insbesondere die Tirailleurs Sénégalais (Senegalschützen) sowie Einheiten der in Algerien, Tunesien und Marokko rekrutierten Spahi (Regimenter einer leichten Kavallerie). Sie bildeten einen Teil der insgesamt ca. 25.000 Mann, die auf Seiten Frankreichs auf verschiedenen Kriegsschauplätzen kämpften. Die überwiegende Mehrheit dieser Kolonialsoldaten stammte aus Marokko und Algerien, 5.000 bis 7.500 aus Westafrika, namentlich Senegal und Madagaskar und einige Hundert aus Annam und Tonkin.

Bereits zu Kriegszeiten war der Einsatz französischer Kolonialsoldaten auf den Schlachtfeldern Europas von deutscher Seite massiv kritisiert worden. Die Berichterstattung über die Kolonialtruppen konzentrierte sich trotz ihrer vergleichsweise geringeren Zahl auf die westafrikanischen Soldaten. In zahlreichen Pamphleten und Presseartikeln wurden sie als sexuell übergriffig und gewaltbereit dargestellt. Die Kritik wurde von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen. Von den Anhängern und Anhängerinnen der USPD abgesehen, sprachen sich Politiker und Politikerinnen aller Parteien gegen den Einsatz afro-französischer Soldaten bei der Besetzung des Rheinlandes aus. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen, beispielsweise der Deutsche Evangelische Kirchenbund, schlossen sich dieser Kritik an. Sie alle sprachen von der „Schwarzen Schmach“ oder auch der „Schwarzen Schande“. Hinter diesen Begriffen stand ein rassistisches Weltbild und ein doppelter Vorwurf: Erstens missachte Frankreich, so die Kritik, die zwischen zivilisierten, europäischen Nationen übliche Solidarität. Zweitens handele es sich bei der Stationierung afrikanischer, „schwarzer“ Truppen nicht nur um eine gezielte Demütigung einer ehemaligen Kolonialmacht, sondern auch um einen Angriff auf deutsche Frauen und damit den deutschen „Volkskörper“.

Ursprünglich sollte die Besatzung bis 1935 aufrechterhalten werden. Mit fortschreitender Integration der Weimarer Republik in die internationale Gemeinschaft und zähen Verhandlungen um die Revision der Reparationszahlungen wurden die Zonen zwischen 1926 und 1930 Schritt für Schritt geräumt. Am 20. Mai 1930 rückten schließlich die letzten französischen Truppen aus dem Rheinland ab.

2019 jährt sich das offizielle Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Aus diesem Anlass rückt auch die Geschichte der Rheinlandbesetzung wieder vermehrt ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sie ist Thema vieler Forschungsarbeiten. Auch ein Seminar der Internationalen Geschichte an der Universität Trier hatte sie im Sommersemester 2019 zum Gegenstand. In den kommenden Wochen folgen die Beiträge, die im Rahmen dieser Veranstaltung entstanden sind. Sie alle sind namentlich gekennzeichnet und beleuchten ausgewählte Aspekte dieser lokalen Globalgeschichte.

Eva Bischoff

 

Literatur:

Barnes, Alexander (2011): In a Strange Land. The American Occupation of Germany, 1918-1923. Atglen: Schiffer.

Koller, Christian (2001): “Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt”. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914-1930). Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte Bd. 82, Stuttgart: Steiner.

Maß, Sandra (2006): Weiße Helden – schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland, 1918-1964. Köln: Blöhlav.

Rödder, Andreas (2009): Zwischen Besatzung und Besetzung: Möglichkeiten und Grenzen deutsch-französischer Verständigung zwischen den Weltkriegen, in Felten, Franz J. (Hg.): Frankreich am Rhein – vom Mittelalter bis heute. Mainzer Vorträge Bd. 13, Stuttgart: Steiner, S. 199-217.

Mediathek:

„Ende des Ersten Weltkriegs – Weltgeschichte am Hauptbahnhof Trier“ , in: SWR Aktuell Rheinland-Pfalz – SWR Rheinland-Pfalz, https://swrmediathek.de/player.htm?show=e21ca410-fe40-11e8-8ed2-005056a10824, 08.10.2019. [Stand: 12.12.2018, zuletzt 08.10.2019]. Der Bericht beinhaltet ein Interview von Prof. Christian Jansen, Universität Trier.

Krumeich, Gerd: „Die Rheinlandbesetzung“, in: Dossier. Geschichte im Fluss. Flüsse als europäische Erinnerungsorte, Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-im-fluss/135676/die-rheinlandbesetzung?p=all [Stand 11.05.2012, zuletzt 08.10.2019]. Gerd Krumeich war bis 2010 Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist Experte für die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Der Text gibt es eine chronologische Übersicht.

Maß, Sandra: „Kolonialsoldaten im Ersten Weltkrieg. Rasse, Geschlecht und Nation in Deutschland, 1914-1924“, Vortrag am 15. Dezember 2014 im Rahmen der öffentlichen Ringvorlesung „1914/15. Weltkrieg, Massentod, Völkermord – ‘Gewaltdynamiken‘ im Blick der Forschung“ des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung – Historisches Institut der Ruhr Universität Bochum im WiSe 2014/15, https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/kolonialsoldaten_im_ersten_weltkrieg._rasse_geschlecht_und_nation_in_deutschland_1914_1924?nav_id=5484&newsletter=1 [Stand 2014/2015, zuletzt 01.11.2019].

Schlemmer, Martin: „Die Rheinlandbesetzung (1918-1930)“, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861 [Stand unbekannt, zuletzt 08.10.2019]. Eine Übersicht über die Rheinlandbesetzung aus regionalhistorischer Perspektive. Das Internetportal Rheinische Geschichte bietet darüber hinaus viele interessante Artikel.

Thielen, Katharina: „Nach dem Krieg: Die alliierte Rheinlandbesetzung 1918-1930“, in: Regionalgeschichte.net, https://www.regionalgeschichte.net/index.php?id=14577 [Stand 17.06.2015, zuletzt 08.10.2019]. Eine detaillierte Darstellung mit einer ausführlichen Literaturliste und einer Linkliste zu anderen Webseiten und Archivmaterialien, die leider nicht mehr alle funktionieren.

Wientjes, Bernd: „Verhandlungen im engen Salonwagen“, in: Trierischer Volksfreund, https://www.volksfreund.de/region/verhandlungen-im-engen-salonwagen_aid-34318865?utm_source=pw&utm_medium=web&utm_campaign=register&label=156211 [Stand 06.11.2018, zuletzt 08.10.2019]. Ein Bericht mit vielen Archivbildern, die sehr eindrücklich die Situation nach 1918 zeigen.

Bildnachweise:

Bild 1: Karte der Alliierten Rheinlandbesetzung, Autor: Ziegelbrenner, Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Occupation_of_the_Rhineland.png [Stand 06.02.2013, zuletzt 08.10.2019].

Bild 2: Erzberger auf dem Weg zu Waffenstillstandsverhandlungen. Bundesarchiv Bild 183-2004-0206-500. Selbe Situation: „Armistice – Armistice – German delegates confer with Marshall Foch on Armistice terms. With extension of armistice terms until Feb. 17th, the German delegates, accompanied by miltiary interpreter, and headed by Herr Matthias Erzberger (center, hands in pockets) arrive at Treves, France [sic!], to meet with Marshall Foch”, Fotograf: Underwood & Underwood, n.d., United States National Archives and Records Administration (NARA), RG 165: Records of the War Department General and Special Staffs, American Unofficial Collection of World War I Photographs, 165-WW-59A-8, Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv Bild 183-2004-0206-500, Erzberger auf dem Weg zu Waffenstillstandsverhandlungen.jpg [Stand unbekannt, zuletzt 09.01.2020].

Geschichte in Beziehung setzen

Oder: wie schreibe ich eine lokale Globalgeschichte?

Globalisierung steckt in unserem Alltag: Deine Jeans kommt aus Bangladesh. Deine Freundin macht ein Jahr „work and travel“ in Australien vor dem Studium und gratuliert per Internet-Telefonie ihrer Oma zum Geburtstag. Nebenan wohnt eine Familie, die vor dem Krieg in Syrien nach Europa geflohen ist.

Internationale Handelsketten, günstige Transportmittel, zeitnahe Kommunikation – Raum und Zeit verdichten sich. Individuelles Handeln ist untrennbar mit globalen Prozessen verflochten. In der Soziologie und der Politik wird diese Verbindung häufig auch mit dem neugeschaffenen Wort „Glokalisierung“ beschrieben. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Globalisierung ein Phänomen der Gegenwart sei.

Diese Form der Verzahnung von lokalen und globalen Prozessen ist jedoch nichts Neues. Historikerinnen und Historiker gehen in den letzten Jahren immer häufiger auf die Suche nach der Geschichte der weltweit vernetzten Wirtschaft, Kommunikation und Migration: nach Globalgeschichte.

Der Berliner Historiker Sebastian Conrad definiert sie so: Globalgeschichte nimmt „die Zirkulation von und der Austausch zwischen Dingen, Menschen, Ideen und Institutionen“ in den Blick, welche die „Verflechtung der Welt“ ausgelöst, weitergeführt und aufrechterhalten haben (Conrad 2013: 9). Zahlreiche Bücher widmen sich diesem Thema. Sie gehören zu ganz verschiedenen Bereichen:

  • Konsum- und Wirtschaftsgeschichte (z.B. Baumwolle, Kaffee oder Schokolade)
  • Geschichte von Technik und Kommunikation (z.B. Telegraphen oder Unterseekabel)
  • Umweltgeschichte
  • Kolonialgeschichte
  • Migration

Entsprechend bedient sich die globalhistorische Forschung unterschiedlicher Werkzeuge. Sie ist nicht auf eine Methode oder einen Gegenstand (z.B. Wirtschaftsgeschichte) festgelegt. Mit Blick auf die Bucherscheinungen der letzten Jahre scheint eines allerdings klar zu sein: Globalgeschichte hat eine Tendenz zu Überblickdarstellungen. Typischerweise schreiben die Autorinnen und Autoren bislang oft aus der Vogelperspektive. Sie schauen zumeist auf weltweite Prozesse und lange Zeiträume. Unsere eigene Alltagserfahrung hingegen zeigt uns, dass Globalisierung ganz lokal, zu Hause, im Alltag stattfindet (Stichwort Klimawandel). Fachleute diskutieren intensiv darüber, wie die Globalgeschichte in Zukunft weiter verfahren soll. Gleich zwei Diskussionsrunden mit vorbereiteten Redebeiträgen (sog. „Sektionen“) des Historikertags 2018 an der WWU Münster haben sich mit dieser Frage beschäftigt.

Um den Zusammenhang zwischen dem Lokalen und dem Globalen besser beschreiben zu können, plädieren einige Fachleute dafür, die Geschichte der Globalisierung aus der Perspektive der handelnden Menschen heraus zu rekonstruieren. Sie wollen Globalgeschichte also nicht aus der Vogel- sondern aus der Froschperspektive schreiben („Global Microhistory“). Anstelle von abstrakten Prozessen, interessieren sich diese Forscherinnen und Forscher für die konkrete Lebenswelt von historischen Akteuren, ihre lokalen, regionalen und globalen Beziehungen und wie ihre Handlungen ihre Welt hervorgebracht haben. „Beziehungsweise Trier“ verfolgt genau diesen Ansatz: Die einzelnen Beiträge beleuchten jeweils eine Facette dieser vielfältigen Beziehungsgeschichten. Gemeinsam schreiben sie eine lokale Globalgeschichte der Stadt Trier und ihrer Region.

Eva Bischoff

 

 

Literatur:

Bayly, Christopher Alan (2008): Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780-1914. Frankfurt a.M.: Campus.

Conrad, Sebastian (2013): Globalgeschichte. Eine Einführung. Originalausgabe. München: C.H. Beck.

Conrad, Sebastian / Eckert, Andreas / Freitag, Ulrike (Hg.) (2007): Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt a.M.: Campus.

Iriye, Akira / Osterhammel, Jürgen (Hg.) (2012-laufend): Geschichte der Welt. 6 Bde., München: C.H. Beck.

Osterhammel, Jürgen (2009): Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München: C.H. Beck.

Reinhard, Wolfgang (2016): Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015. München: C.H. Beck. Wiederveröffentlicht von der Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 10021, zurzeit leider vergriffen.

Wenzlhuemer, Roland (2017): Globalgeschichte schreiben. Eine Einführung in 6 Episoden. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

 

Mediathek:

Sachsenmaier, Dominic (2010): Global History, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, http://docupedia.de/zg/sachsenmaier_global_history_v1_en_2010 [Stand 11.02.2010, zuletzt 03.11.2019].

Bundeszentrale für Politische Bildung: Dossier (Post)kolonialismus und Globalgeschichte, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/postkolonialismus-und-globalgeschichte [Zuletzt 03.11.2019].

SWR 2 Radiobeitrag (2018): „Die Verflechtung der Welt. Wozu brauchen wir Globalgeschichte?“, Gesprächsleitung: Gregor Papsch, https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Die-Verflechtung-der-Welt-Wozu-brauchen-wir-Globalgeschichte,aexavarticle-swr-52848.html [Stand 10.08.2018, zuletzt 03.11.2019).

Tagungsbericht: HT 2018: Globalgeschichte – eine Standortbestimmung, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7913 [Stand 03.11.2018, zuletzt 03.11.2019].

Tagungsbericht: HT 2018: Grenzenlos? Zugänge zur Globalgeschichte des 19./20. Jahrhunderts, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8028 [Stand 14.12.2018, zuletzt 03.11.2019].

Beziehungsweise Trier

„Beziehungsweise Trier“ beleuchtet die vielfältigen Verbindungen zwischen lokalen, regionalen und globalen Geschehnissen – von der Antike bis zur Gegenwart.

In den heutigen Debatten um Identität, Globalisierung und Migration wird „lokal“ oft mit dem Echten, dem Vertrauten und dem Heimatlichen in Verbindung gebracht. Demgegenüber wird Globalisierung und die damit einhergehenden Phänomene wie beispielsweise transkontinentale Migrationsbewegungen, der Aufbau von weltumspannenden Wirtschaftskontakten sowie von Handels- und Produktionsketten oder die Existenz ethnischer und kultureller Vielfalt als Neuheit, destruktive Veränderung oder gar Gefährdung dargestellt.

Die historische Forschung hat demgegenüber in den letzten Jahren immer deutlicher herausgearbeitet, das lokale, regionale und globale Prozesse bereits seit Jahrhunderten eng miteinander verbunden sind. Handelsnetzwerke, welche die (damals bekannte) Welt umspannten, existierten bereits bei den Römern. So gelangten exotische Gewürze wie Safran nach Trier, ein Außenposten des römischen Imperiums, der später Teil anderer imperialer Großreiche und Nationen werden sollte. Menschen verlagerten dauerhaft ihren Lebensmittelpunkt; sie flohen vor Krieg, Hunger und politischer Verfolgung, etwa aus dem Hunsrück oder der Eifel in die „Neuen Welten“ Amerikas und Australiens. Eine Migrationswelle, die viele Gemeinden der Region um Trier geprägt hat. Ein Blick in die Geschichte zeigt also: Das Lokale ist gleichzeitig immer auch global – und umgekehrt!

Das wissenschaftliche Blog „Beziehungsweise Trier“ wird diese Beziehungsgeschichte anhand von multimedialen Kurzbeiträgen (Text, Bild, Ton) exemplarisch dokumentieren. Das Blog ist ein Projekt der Public History („Angewandte Geschichte“), das sich als damit der Geschichte in, für und mit der Öffentlichkeit widmet. Ziel ist fachwissenschaftliches Wissen für eine breitere Öffentlichkeit (interessierte Einzelpersonen, Schulen, Vereine, etc.) zur Verfügung zu stellen aber auch in Kooperation mit interessierten nicht-wissenschaftlichen, historisch Interessierten zu erarbeiten.

In diesem Sinne wird das Blog von PD Dr. Eva Bischoff (Internationale Geschichte, Universität Trier) redaktionell geleitet und kuratiert. Die Inhalte des Blogs werden in Lehrprojekten und Workshops zu unterschiedlichen global/lokal-historischen Themen gemeinsam mit den Teilnehmenden erarbeitet (Stichwort „Forschendes Lernen“). Auf diese Weise werden die konkreten Beiträge von Studierenden der Universität Trier in Gruppen- und Einzelarbeit aber auch in Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen Institutionen, Vereinen und Schulen produziert. Zusätzlich wirbt die Redakteurin des Blogs Gastbeiträge von Forscherinnen und Forscher ein, welche Rahmenthemen allgemein verständlich darstellen und auch Fragen der Workshopteilnehmerinnen und –teilnehmern beantworten.

Der geographische Fokus des Projekts liegt auf der preußischen Rheinprovinz, insbesondere dessen südwestlicher Teil (die napoleonischen Departments Rhein-Mosel und Saar). Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf dem 19. und 20. Jahrhundert – mit Ausblicken auf mögliche Verbindungslinien zur Frühen Neuzeit, dem Mittelalter und der Antike. Sowohl der räumliche als auch der zeitliche Arbeitsbereich wurde mit Blick auf die Arbeit der historiographischen Laien gewählt: die Quellen, die zur Erschließung dieser beiden Jahrhunderte zur Verfügung stehen, erfordern weniger fachwissenschaftliche Ausbildung als etwa die Mediävistik (Handschriftenkunde), nahezu keine Fremdsprachenkenntnisse (Latein für die Antike) und sind insgesamt leichter zugänglich. Darüber hinaus finden sich in Privatnachlässen häufig Materialien aus diesen beiden Jahrhunderten, welche die Alltags- und Familiengeschichte greifbar machen.